Ein Einzelhändler, der sich mit Digitalisierung beschäftigt, verschwendet seine Zeit. Insbesondere dann, wenn er sich mit Digitalisierung im Einzelhandel in der Weise beschäftigt, wie es die Fachzeitschriften oder sonstige Medien tun.

Der Handel habe Nachholbedarf bei der Digitalisierung, heißt es dort. Na und?

Liebe Leserinnen und Leser meines Blogs, lieber Händler und Händlerinnen, die Sie mir Ihre Zeit schenken. Was bringt Ihnen persönlich und unternehmerisch eine Aussage, der Handel habe Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung?

Richtig. Gar nichts.

Digitalisierung im Einzelhandel ist eine Realität, die spätestens dann wirksam wurde, als die Computer-Technik das Laufen lernte. Stichwort: EDV-gestützte Warenwirtschaftssysteme. Und das ist lange, lange her.

Was heißt eigentlich Digitalisierung im Einzelhandel?

Digitalisierung ist nichts anderes, als die Unterstützung betrieblicher Prozesse durch Informations- und digitale Technologien.

Aus dem Blickwinkel der Zukunftsforschung ist Digitalisierung ein sogenannter Megatrend. Ein Megatrend entwickelt sich langsam, er ist kein kurzes Strohfeuer, sondern entwickelt sich über Jahrzehnte. Für Informationen zu weiteren dieser Megatrends verweise ich auf die Publikationen des Zukunftsinstitutes in Frankfurt. Eine Kurzübersicht, was Megatrends sind, sehen Sie hier.

Digitalisierung als einer von 11 Megatrends

11 Megatrends nach der Definition des Zukunftsinstitutes – aus der Präsentation „Das Juweliergeschäft der Zukunft“

Welche Bereiche der Digitalisierung sind für Sie als Händler grundsätzlich relevant? Zählen wir ein paar Beispiele auf:

  • Produkte – Serviceleistungen
  • Marketing – Werbung
  • Vertrieb
  • Bezahlsysteme
  • Einkauf
  • Kundenverwaltungs-Systeme
  • Steuerung der Warenwirtschaft
  • Finanzbuchhaltung – Controlling
  • Finanzierung

Ja, selbst im Bereich „Finanzierung“ gibt es mittlerweile Ansätze und Alternativen zur klassischen Bank-Finanzierung, die rein über digitale Schnittstellen laufen.

Wenn wir über Warenwirtschafts-Systeme reden, dann ist Digitalisierung im Prinzip ein alter Hut. Denn bereits von über 30 Jahren haben modern denkende Juweliere die ersten computergestützten Warenwirtschafts-Systeme eingeführt.

Die Digitalisierungs-Diskussion in den Medien ist zu abstrakt

Daher ist diese abstrakte Digitalisierungs-Diskussion in den Medien nicht hilfreich. Hilfreich sind vielmehr konkrete Hilfestellungen für stationäre Einzelhändler, welche Schritte für welche betrieblichen Bereiche einzusetzen sind.

Die Leute, die in den Medien die Notwendigkeit der Digitalisierung predigen, sollten von der Abstraktionsleiter herunterkommen und konkrete Anhaltspunkte liefern, was ein Einzelhändler mit digitaler High-Tech bewegen kann und was nicht.

Zählen wir ein paar Arbeitsfelder auf.

Digitalisierung im Einzelhandel – Handlungsfelder und Beispiele

Handlungsfelder für die Digitalisierung im Einzelhandel

Handlungsfelder der Digitalisierung im Einzelhandel

Kann ein Juwelier digitale Produkte verkaufen?

Ja, er kann.

Bestes Beispiel hierfür sind die Trauring-Konfiguratoren. Wer einen Trauring-Konfigurator einsetzt, bietet seinen Kunden ein virtuelles Warenangebot im Wert von mehreren Millionen Euro an. Vielleicht wird jetzt der eine oder andere Juwelier, der ausschließlich ein Trauring-Echtlager anbietet die Nase rümpfen.

Ein 123gold.de und eine Trauringschmiede.de werden über derlei Hochnäsigkeiten lachen und sich dafür bedanken, dass diese konservative Denkweise ihnen den Weg zur Marktführerschaft ermöglicht hat. Und der Trauring-Konfigurator von Meister zeigt, dass sich beide Strategien nicht ausschließen.

Kundenservice

Digitale Kommunikation geht schnell und ist einfach. Das verlangt geradezu nach Umsetzungs-Ideen im Bereich „Kundenservice“.

Termin-Vereinbarungs-Systeme sind so ein Beispiel. Der Händler akquiriert so seine Beratungsgespräche bei sich im Geschäft. Kunden, die über eine Terminvereinbarung ins Geschäft kommen, haben eine höhere Kaufbereitschaft und die Kaufwahrscheinlichkeit liegt bei ca. 75 bis 90% im Schnitt.

Solche Systeme sind einfach und schnell umzusetzen und es gibt sogar kostenlose Angebote im Web.

Den Auftrags-Status eines Kundenreparatur-Auftrags vom iphone abfragen? Auch das ist eine interessante Anwendung, wenn das Service-Aufkommen sehr hoch ist. Welche Juweliers-Wawi bietet das?

Information der Kunden via SMS, Whatsapp oder Email über bestehende Bestellungen? Mit heutigen Techniken kein Problem. So schaffen Sie sich beim Kunden ein modernes Image.

Werbung und Kundenkommunikation

Die eigene Website und ein ausgefeiltes Onlinemarketing-Konzept ist die Umsetzung von digitalen Technologien im Bereich Werbung und PR. Auch das ist nichts Neues. Die ersten Webauftritte von Juwelieren werden in Kürze volljährig.

Zugegeben, nicht jeder stationäre Händler beherrscht die Klaviatur des Online-Marketings souverän. Fehlende Zeit, fehlendes Wissen sind die eine Sache. Die andere Sache ist eine undefinierbare Angst vor den neuen Kommunikations-Techniken oder generell eine fortschrittsfeindliche Grundeinstellung.

Digitale Werbung, Onlinemarketing oder Content Marketing für Juweliere sind komplexe Aufgabengebiete. Wer darin seine Chance sieht, sollte sich damit beschäftigen. Aber keine Artikel über Digitalisierung lesen.

Ladenbau und Schaufenster

Haben Sie im Schaufenster einen Hinweis auf Ihre Facebook-Fanpage? Oder auf Ihre Website? Oder auf Ihren Firmenauftritt bei Yelp? So etwas ist schnell umgesetzt. Meiner Wahrnehmung nach war zum Beispiel ein großer Hamburger Juwelier einer der ersten, der vor gut 7 Jahren Ipads als Schaufenster-Blickfang verwendete.

Sie haben einen Online-Shop? Dann ist ein Terminal in Ihrem Geschäft, über das Ihr Besucher im Geschäft in Ihrem Shop surfen kann in jedem Fall sinnvoll.

Diese genannten Beispiele ergeben sich zwingend. Dazu brauche ich keinen Artikel über Digitalisierung lesen.

Die Multi-Channel Lüge

Multi-Channel wird als Allheilmittel angepriesen. Und tatsächlich gibt es Händler, die mit begrenzten Möglichkeiten glauben, Ihre 8.000 bis 10.000 Artikel im E-Commerce zu verkaufen, weil sie 8.000 bis 10.000 Artikel in ihren Geschäften lagernd haben. Dabei geben diese Händler viel Geld aus und verbringen mit dem System noch mehr Zeit. Und merken gar nicht, wie sie sich damit in eine Vergleichbarkeitsfalle begeben.

Ist es wirklich sinnvoll, ein Shop-Konzept à la Zalando oder à la Christ im Kleinformat aufzumachen? Ist es wirklich sinnvoll, der 350. Anbieter von Festina-Uhren auf Amazon oder auf Ebay zu sein?

Klar, der Amazon-Kanal kann funktionieren. Aber nicht in der Form, dass jemand mit einem total vergleichbaren Sortiment „Huhu, ich bin auch da!“ schreit.

Warenwirtschaft

Eine klassische digitale Anwendung. Gängige Juweliers-Warenwirtschaften feiern bald ihren 20. bzw. 30. Geburtstag. Natürlich verbessert sich der technische Fortschritt in Monatsschritten. Von elektronischen Lieferscheinen träumten die Warenwirtschafts-Pioniere unter den stationären Händlern vor fast 30 Jahren.

Dass eine Warenwirtschaft für den E-Commerce oder den Multi-Channel-Handel unabdingbare Voraussetzung ist, ist logisch. Wer auf Amazon verkaufen will und dort keine aktuellen Lagerbestände vorweisen kann, kämpft auf verlorenem Posten.

Digitale Beschaffung

Wer Kunde von Boley ist, kann seit über 10 Jahren Batterien, Uhrwerke, Ersatzteile und Furnituren online bestellen. Mittlerweile sind die Partner-Bereich der Markenhersteller vorbildlich ausgestattet. Sie können online Ware bestellen, Werbemittel und Fotos für klassische Werbung und Web herunterladen.

Und da will Ihnen ein Journalist das digitale Einkaufe als den neuesten Schrei der Digitalisierung verkaufen?

Bezahlsysteme

Auch die elektronischen Bezahlsysteme haben ihren 25. Geburtstag längst gefeiert. Oder verwendet noch jemand für die Eurocard das Ritsch-Ratsch-Gerät? Dass elektronisches Bezahlen zum Standard im Kundenservice gehört, steht außer Frage. Und wenn ich in Zukunft via Smartphone im Laden zahlen kann, na ja, dann setze ich sowas halt um.

Dazu muss ich meine Kunden befragen, ob Sie grundsätzlich darauf Wert legen, mit dem Smartphone zu zahlen. Dazu muss ich aber keine hochtrabenden Artikel über Digitalisierung lesen.

Kundenverwaltung – CRM

Eine moderne Warenwirtschaft hat zusätzlich eine Kundenverwaltung. Dort sehe ich, welcher Kunde was kauft und welche Vorlieben er hat.  Um ihm dann entsprechende Angebote via Mail, SMS oder Whatsapp zu schicken.

Auch das ist eine Sache, die sich zwingend ergibt, wenn Ihre Warenwirtschaft ein CRM angeschlossen hat. Je besser dort das Zusammenspiel der Daten, desto persönlicher und schlagkräftiger Werbung und Kundenbetreuung.

Personalsuche – Mitarbeitermarketing

Klar, es gibt sie noch, das klassische Stellenangebot in der Tageszeitung oder in der Fachzeitschrift. Aber auch das geht digital. Da reicht im Zweifel eine gut gepflegte Facebook-Fanpage oder ein Eintrag im Online-Portal der Arbeitsagenturen.

Auch hier kann ich mir das Digitalisierungs-Gesülze schenken. Wichtiger ist es, zu überlegen, auf welchen Info- und Kommunikations-Kanälen ich meine zukünftigen Mitarbeiter erreichen will oder kann. Und vor allen Dingen, wie ich die Botschaft für meine zukünftigen Mitarbeiter gestalte.

Kassensysteme

Da zwingt uns Händler mittlerweile Vater Staat mit der strengen Mutter „Finanzamt“ dazu. Hier gibt es Auflagen für die Kassenführung. Wer mit einer Warenwirtschaft arbeitet, der braucht zwingend eine entsprechende Kasse, bei der Verkäufe sofort zu Bestandsveränderungen in der Warenwirtschaft führen.

Finanzbuchhaltung

Auch hier macht die Digitalisierung in Unternehmen nicht halt. Stichwort: elektronische Bilanzen.

Wer einen fortschrittlichen Steuerberater hat, dem wird elektronisches Dokumentenmanagement genauso angeboten wie ein Bankdatenimport. Dadurch reduziert sich der Buchungsaufwand, betriebswirtschaftliche Auswertungen werden schneller erstellt und der Juwelier kann bei seinem Banker mit transparenten Informationen glänzen.

Digitale Finanzbuchhaltung gibt es in Ansätzen ebenfalls seit fast 20 Jahren. Bereits vor gut 10 Jahren stellten modern denkende Steuerberater fest, dass sich eine elektronische Bankbuchung bereits ab 20 Kontobewegungen bei den Kosten positive bemerkbar macht. Na, dann rede ich mit meinem Steuerberater und setzte das um. Brauche dazu aber keinen Artikel über Digitalisierung lesen.

Alternative Finanzierungen

Wenn ich Bücher, Uhren, Urlaubsreisen, Seminare und Versicherungen online verkaufen kann, der kann auch Finanzierungen online verkaufen. Wenn ein Händler von seiner Hausbank nicht bedient wird, der wendet sich heute an einen alternativen Finanzierer. Dort kann er kurzfristigen Finanzbedarf ohne komplizierte Formalitäten und ohne Sicherheiten decken.

Wer einen solchen Bedarf hat, der wird ihn bei aufmerksamer Recherche im Web finden. Auch dazu muss er keinen abstrakten Artikel über Digitalisierung lesen.

Fazit – Digitalisierung im Einzelhandel umsetzen statt darüber reden

Hören wir auf, Artikel über Digitalisierung zu lesen. Steigen wir herab von der Abstraktions-Leiter! Im Anfang war die Tat und vor der Tat das Konzept. Selbstverständlich beobachten Sie IT Trends und checken ab, welche Relevanz ein IT-Trend für Ihr Fachgeschäft hat. Wo stehe ich mit meinem Geschäft aktuell? Wo sind meine Baustellen? Wo kann ich ansetzen? Was will mein Kunde? Wie kann ich digital meinen Kundenservice verbessern? Braucht mein die Smartphone-Bezahlweise oder will er nicht doch lieber aktuelle Informationen auf einer gepflegten und attraktiven Website eines attraktiven und starken lokalen Fachhändlers? Machen Sie den ersten Schritt und veröffentlichen Sie ein paar Neuigkeiten und Produktneuheiten auf Ihrem Webauftritt und Ihrer Facebook-Fanpage!

Was meinen Sie?

Digitalisierung im Einzelhandel – Schluss mit der Dampfplauderei!

von Andreas J. Wieland Geschätzte Lesezeit 7 min
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